ERDKUNDE · DOSSIER
STAND APRIL 2026 AUSGABE 01 DE
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Länderporträt · Deutschland · Energie & Rohstoffe

Das schwarze
Gold
Deutschlands. Woher es kommt, wohin es fließt und warum seine Versorgung 2026 gleichzeitig stabil und verletzlich ist — ein Dossier zur aktuellen Lage.

75,7Mio t
Rohöl-Importe 2025
6%
Eigenförderung
133€/100L
Heizöl, März 2026
−34%
Importe seit 2005
Ausgangslage

Ein Rohstoff, der 2026 immer noch alles bewegt.

Trotz Energiewende deckt Mineralöl rund ein Drittel des globalen Primärenergiebedarfs — es bleibt damit der wichtigste Energieträger der Erde und gleichzeitig geopolitisches Druckmittel.

In Deutschland fließt Erdöl in drei große Verwendungsbereiche: in die Tanks von Autos, Lkw und Flugzeugen, in die Produktion der chemischen Industrie (Kunststoffe, Dünger, Medikamente) und — trotz fortschreitender Wärmewende — noch immer in Heizungen. Rund 95 % des Bedarfs werden importiert, die heimische Förderung ist marginal.

Die Nachfrage ist zwar rückläufig: 2025 wurden 10,6 % weniger Rohöl importiert als 2020 und rund ein Drittel weniger als 2005. Aber eine komplette Ablösung ist nicht in Sicht — Öl ist zu tief in Verkehr, Industrie und Chemie verankert.

Kurz erklärt: Barrel

1 Barrel = 159 Liter Rohöl. Die internationale Leitsorte Brent wird in US-Dollar pro Barrel notiert. Im Jahresmittel 2026 erwarten Analysten rund 64 USD je Barrel Brent.

Woher Rohöl nach DE gelangt

Per Tanker nach Wilhelmshaven, Rostock und über die ARA-Häfen (Amsterdam–Rotterdam–Antwerpen). Per Pipeline aus der Nordsee und über die Druschba-Route (aktuell v. a. kasachisches Öl).

„Öl ist nach wie vor der wichtigste Energieträger der Erde — und in Verkehr, Industrie und Chemie auf Jahre hinaus nicht ersetzbar."
Kernaussage der Sektion
Herkunft

Die neuen Lieferanten — Norwegen, USA, Libyen.

Öltanker im Anflug auf Wilhelmshaven — Deutschlands größter Rohöl-Hub mit 35 Mio. t Jahreskapazität

Seit dem Importstopp für russisches Rohöl hat sich die deutsche Lieferstruktur grundlegend gewandelt. Wo 2020 noch fast ein Drittel aus Russland kam, dominieren heute drei Länder.

Norwegen ist 2025 mit 16,6 % der Einfuhren (12,5 Mio. Tonnen) der wichtigste Partner — das skandinavische Land liefert Nordseeöl per Pipeline und Tanker. Die USA folgen dicht dahinter mit 16,4 %, vor allem durch Schieferöl-Exporte von der Golfküste. Libyen komplettiert mit 13,8 % das Podest.

Der Nahe Osten spielt für Deutschland nur eine Nebenrolle: 6,1 % kamen 2025 aus der Region — vor allem aus dem Irak. Andere EU-Staaten sind deutlich abhängiger: EU-weit stammen 13 % der Rohöl-Importe aus dem Nahen Osten.

Rohöl-Lieferanten Deutschland 2025 · Anteil in %
Norwegen
16,6 %
USA
16,4 %
Libyen
13,8 %
Kasachstan
~6 %
Großbritann.
~5 %
Irak
4,2 %
VAE
1,1 %
Saudi-Arab.
0,8 %
QUELLE: DESTATIS / BAFA-MINERALÖLSTATISTIK 03/2026
Geopolitik

Ein Nadelöhr namens Hormus.

Täglich passieren rund 20 Mio. Barrel Rohöl die Straße von Hormus — etwa ein Drittel des weltweit verschifften Erdöls. Was dort passiert, bestimmt den Preis an deutschen Tankstellen.

Iran PERSIEN · NAHER OSTEN Oman · VAE ARABISCHE HALBINSEL Persischer Golf Golf von Oman Straße von Hormus 20 MIO. BARREL / TAG · ~⅓ DES WELTHANDELS
Engstelle der Welt — etwa 10–15 % der deutschen Rohöl-Importe passieren diese Meerenge
Aktuelle Krise · 2026

Die Blockade der Straße von Hormus hat rund 20 % des globalen Ölhandels lahmgelegt.

Folge: Die IEA hat die größte Freigabe strategischer Ölreserven ihrer Geschichte genehmigt — 400 Mio. Barrel. Die OPEC+ steigert ab April 2026 die Fördermenge um 206.000 Barrel pro Tag, um gegenzusteuern. Experten rechnen dennoch damit, dass Heizöl-Preise in Deutschland auf absehbare Zeit über 120 € pro 100 Liter bleiben.

Für Deutschland ist Hormus kein Haupt-, aber ein relevanter Seeweg: Etwa 10 bis 15 % der deutschen Rohöl-Zufuhr — vor allem Lieferungen aus Saudi-Arabien, Kuwait und den VAE — erreichen Europa über diese Meerenge. Eine längere Blockade schlägt daher auch hier durch.

Weniger über physische Lieferausfälle, mehr über den Weltmarktpreis: Weil Rohöl ein globaler Rohstoff ist, ziehen Engpässe andernorts die Preise überall an. Hinzu kommt die geopolitische Risikoprämie — der Aufschlag, den Händler verlangen, wenn Krieg oder Krise drohen.

Brent-Notierung aktuell

Rund 69 USD/Barrel (Stand März 2026). Analysten erwarten für das Jahresende 2026 etwa 60 USD — vorausgesetzt, die geopolitische Lage entspannt sich.

Heizöl in Deutschland

Bundesdurchschnitt März 2026: ca. 133 € pro 100 Liter. Das sind rund 40 % mehr als Ende 2025. Über 30 % des Preises sind Steuern und Abgaben — inklusive CO₂-Abgabe (aktuell 55–65 €/Tonne).

Verwendung

Wohin das Öl tatsächlich fließt.

Etwas mehr als die Hälfte des in Deutschland verbrauchten Öls landet in Fahrzeugtanks. Der Rest verteilt sich auf Industrie, Heizung und die chemische Weiterverarbeitung.

50%
Verkehr
Benzin, Diesel, Kerosin. Pkw, Lkw, Schifffahrt, Luftfahrt. Trotz E-Auto-Wachstum der mit Abstand größte Abnehmer.
25%
Industrie & Chemie
Kunststoffe, Dünger, Farben, Medikamente. Hier ist Öl derzeit kaum zu ersetzen — eine strukturelle Abhängigkeit.
15%
Heizung
Rund 5 Mio. deutsche Haushalte heizen noch mit Öl. Ab 2028 wirkt der EU-Emissionshandel ETS 2 preislich.
10%
Übrige Nutzung
Stromerzeugung, Bitumen für Straßenbau, Schmierstoffe, Exporte veredelter Produkte.
„Eine unzureichende Versorgung mit Öl stellt schnell das grundlegende Funktionieren einer Volkswirtschaft infrage."
Zur strategischen Rolle von Erdöl
Historische Einordnung

Von Wietze bis Wilhelmshaven — 168 Jahre deutsches Erdöl.

1858 WIETZE, NIEDERSACHSEN Erste erfolgreiche Erdölbohrung der Welt 168 JAHRE H 2026 NORDSEE · OFFSHORE Moderne Förderplattform
Von der hölzernen Bohrung im Emsland zur automatisierten Offshore-Plattform in der Nordsee
1858

Die erste erfolgreiche Erdölbohrung der Welt

Im niedersächsischen Wietze wird Erdöl gefunden — ein Jahr vor dem oft zitierten Drake-Bohrloch in Pennsylvania. Deutschland ist Pionier der industriellen Ölförderung.

1968

Historisches Fördermaximum

Rund 8 Mio. Tonnen Rohöl werden pro Jahr in Deutschland gefördert — der bis heute unerreichte Höchststand. Danach sinken die Erträge kontinuierlich.

2005

Höhepunkt der Importe

Deutschland importiert 114,5 Mio. Tonnen Rohöl — der Spitzenwert der letzten Jahrzehnte. Danach sinkt der Bedarf durch Effizienzgewinne und Umstieg auf Erdgas und Erneuerbare.

2022

Bruch mit Russland

Als Reaktion auf den russischen Angriff auf die Ukraine beschließt die EU ein Importverbot für russisches Seerohöl. Deutschland stellt die Belieferung der Raffinerie Schwedt über die Druschba-Pipeline weitgehend um.

2025

Neuordnung der Lieferkette

75,7 Mio. Tonnen Rohöl fließen nach Deutschland — 34 % weniger als 2005. Norwegen, USA und Libyen dominieren. Russisches Öl: nahezu null.

2026

Iran-Krieg & Hormus-Blockade

Die Eskalation im Nahen Osten treibt die Preise. IEA gibt 400 Mio. Barrel aus strategischen Reserven frei. Heizölpreis in DE auf über 130 €/100 L — rund 40 % über Vorjahr.

Ausblick

Wie stabil ist die Versorgung wirklich?

Pipelines tragen rund 15 % der deutschen Ölversorgung — der Rest kommt per Tanker

Kurzfristig: stabil. Deutschland ist laut Energieökonomin Claudia Kemfert gut versorgt, weil die Bezüge diversifiziert wurden. Versorgungsengpässe sind nicht in Sicht.

Mittelfristig: fragil beim Preis. Solange die geopolitische Lage angespannt bleibt, dürften Rohöl- und Heizölpreise hoch bleiben. Die CO₂-Abgabe verteuert fossile Energie strukturell — und ab 2028 übernimmt der EU-Emissionshandel ETS 2, der den Preis marktgetrieben weiter nach oben schiebt.

Langfristig: schrumpfend. Die deutsche Ölnachfrage sinkt seit zwei Jahrzehnten, getrieben durch E-Mobilität, Wärmepumpen und Effizienz. Was bleibt, ist der hartnäckige Rest — vor allem Chemieindustrie und Güterverkehr, für die Öl bis auf Weiteres unersetzlich ist.

„Deutschland ist ganz gut aufgestellt, weil es die Öl- und Gasbezüge diversifiziert hat. Aber wir werden mit steigenden Preisen rechnen müssen — an der Tankstelle und auch beim Heizen."
Claudia Kemfert · Energieökonomin · DIW Berlin
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